Es knistert, die Funken sprühen. Die Flammen lodern gespeist von den Holzscheiten, die mein Großvater soeben hineingelegt hat, auf. Dieses Feuer, so sagte mein Großvater einmal, brannte bereits seit meiner Geburt. Ich glaubte ihm damals nicht, ich war doch schon ganze sieben Jahre alt. Ich glaubte, er würde es jedes Mal von Neuem entfachen, wenn ich zu Besuch kam.
Heute bin ich 23 Jahre alt und ich glaube ihm mittlerweile. Ich glaube ihm, seitdem ich damals bei ihm und meiner Großmutter wohnte, um präzise zu sein. Seit ich zwölf Jahre alt war, wohnte ich bei ihnen. Jene schicksalshafte Nacht ist heute auf den Tag genau elf Jahre her, die Nacht, in der meine Eltern zu Essen gingen und nicht mehr zurückkamen. Ich schlief bei meinen Großeltern am Kamin, das Feuer es brannte und brannte, die Flammen waren außergewöhnlich groß, bis ich die Nachricht erhielt.
Meine Eltern hatten das Restaurant, in dem sie gegessen hatten, soeben verlassen und meine Mutter lief, vom Wein leicht angeheitert, über eine vielbefahrene Straße, als ein Auto angerast kam. Mein Vater hatte sie retten wollen. Zu spät. Mit 94 Kilometern pro Stunde zerschmetterte der Wagen die Körper meiner Eltern, es war eine Mercedes E-Klasse, gefahren von einem Schlipsträger, der Zoff mit seiner Freundin gehabt und vor Wut das Tempolimit von 50 km/h ignoriert hatte, unwissend welch schwerwiegende Folge seine Zügellosigkeit haben würde. Später sah ich ein Bild, das die Forensiker von meinen Eltern gemacht hatten. Meine Schläfen pochten, meine Brust stach, kalter Schweiß lief meinen Rücken herab und das Blut in meinen Adern schien, zu gefrieren, und meine Gliedmaßen, zu Stein zu werden, als ich sie so sah. Zerschmettert, verkrüppelt, leblos.
Unmittelbar als ich davon erfuhr, in dem Moment, als meine Großmutter den Polizisten, die an der Tür geklopft hatten, öffnete, wurden die Flammen kleiner. Nachdem ich die Fotografie gesehen hatte, erfasste mich ein Gefühl, als würde ich nie wieder froh werden. Dieses Gefühl machte mich krank, es nahm mir jegliche Kraft, mein Leben so weiter zu leben, wie ich es gewöhnt war. Das Feuer, es flackerte noch leicht, kein Vergleich zu seiner früheren Pracht. Es drohte, zu erlöschen, nie erlosch es vollständig, doch es wuchs auch nicht mehr.
Eines Tage, als das Feuer nur noch schwächlich vor sich hin glühte und ich die zarten, sich kaum über die Glut erhebenden Flammen betrachtete, begann mein Selbstmitleid einer Wut zu weichen. Meine Eltern hatten ihr Leben darauf verwendet, mir das Leben meiner Träume zu ermöglichen. Und was tat ich hier? Ich lebte nicht. Ich vegetierte, ich trauerte. Ich hatte meine Eltern sehr geliebt, doch zeigte ich meine Liebe nun, da sie nicht mehr waren, indem ich alles, wofür sie so hart gearbeitet hatten, mit Füßen trat und nicht wahrhaftig und unwiderruflich lebte.
Es war an der Zeit, zu leben und zu leben, was auch immer in Zukunft zu kommen vermochte. Nichts war es mir mehr wert, auf dieses einmalige, gewaltigste Geschenk aller Geschenke, das mir meine Eltern einst gemacht hatten, zu verzichten. Auf das Feuer, das nun kräftiger aufloderte als je zuvor und nie verglühte.
Auf mein Leben.

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