Unbequeme Wahrheiten

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Vermutlich werde ich Dich nie wieder hören, nicht zwangsläufig, weil Du nun ohne mich glücklicher bist, sondern vielleicht, weil es ohne mich bequemer ist. Einfacher, weil Dir bereits in jedem Winkelzug bekannt. Leichter, weil es bereits so ist. Sicherer, weil es Dir -anders als ich- sicher ist.

Ich wünsche Dir, dass es gut geht. (Ich wünsche Dir, dass er lernt, Dich zu behandeln, wie Du es verdienst.)
Ich wünsche es Dir, obgleich es mir bedeuten würde, dass Du niemals wieder mein wärst. In einem flüchtigen Moment, in dem wir uns einander gänzlich auslieferten, warst Du mein und ich Dein. Wir ließen einander gehen und kehrten zurück, gingen und kehrten zurück, gingen.

Ich wünsche es Dir, obwohl ich mir wünsche, Dein Gesicht wieder in meinen Händen zu halten, während ich es mit Küssen bedecke, bevor ich mich Deinem Hals und danach Deinen Brüsten widme. Ich wünsche es Dir, obwohl ich bei jedem Aufleuchten meines Telefons verstohlen zu ihm hinüberblicke, hoffend, dass Du die Regeln brichst, weil Du Dich nach mir sehnst.
Ich wünsche mir, Deine Stimme wieder zu hören. Ich wünsche mir, wieder mit Dir zu sprechen, denn dabei zogen wir uns voreinander aus, lange bevor wir einander auszogen. Voreinander können wir seitdem nur noch nackt sein, die Be- und Verkleidungen, die wir anderen präsentieren, können wir einander niemals vorhalten, deshalb können wir nun nicht mehr voreinander sein.

Es war nicht die Nacktheit, die die ersten Menschen beschämte, nachdem sie die Frucht des Baumes der Erkenntnis gekostet hatten.
Unsere Nackheit voreinander, sie hob uns zurück ins irdische Paradies, führte uns an die absoluten Anfänge; den Anfang der Leidenschaft, die seither alles verzehrend in mir lodert; den Anfang der Liebe, die weder Dir noch mir möglich schien; den Anfang einer unbeschmutzbaren Reinheit dort, wo alles verdorben hätte scheinen müssen, war unsere Nackheit doch Verrat an einem, dem Du ebenso bequem warst wie er Dir, den Du und der Dich, so oft Ihr Eure unbekleideten Körper auch gesehen, nie unverkleidet betrachten gedurft.
Vielleicht fehlten ihm dazu die Augen und der Mut. Vielleicht aber brauchte es allein meine Augen, die Dich auszuziehen vermochten und vor denen Du bereitwillig Dich entkleidetest und in all Deiner unverhohlenen Schönheit zeigtest.

Doch, wie es kommen musste, so kam es auch. Von goldenen Äpfeln umringt blieb Dir in Deiner Erinnerung an den nun gestillten Hunger von einst, zu dem Du die Gewohnheit noch nicht abgelegt hattest, nur der Biss, der Dich wieder fallen ließ, der die vergessene Angst in Dir wieder schürte, zu erfrieren und so begabst Du Dich zurück in jene Gefilde, in denen Du stets warm bekleidet warst, Dich der nun verlorenen Wärme erinnernd.
Nach ihr dürstend ließt Du einen Ofen setzen, der sie spenden wird, solang Du nur fleißig Scheite nachlegst. Eines Tages jedoch, da Du des Hackens und Tragens müde sein wirst, mag seine Glut verlöschen. An jenem Tag magst einst nach dem Sommer Du Dich sehnen, dem Du einst in der Furcht, er könne vor der Zeit Herbst werden, in den Winter entflohst und Dich abmühtest, seinen Schnee zu schmelzen und im kalten Tauwasser nicht zu ertrinken.
So sehr ich Dir den Frühling wünsche, bedürfte es wohl nur eines mutigen Sprunges über den Abgrund hinweg, um des Sommers Dich zu erfreuen.

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