Ich bin am Ende. Was sollen die Leute nur von mir denken? Das kann man eigentlich niemandem erzählen. Wie konnte mein eigener Körper mich nur so im Stich lassen? In all den Jahren, die ich versucht hatte, mich abzuhärten, war ich offenbar doch schwach geblieben.
Das muss man sich einmal vorstellen, da bin ich vor einigen Stunden seelenruhig auf meinem Mountainbike durch den Wald gefahren, habe nichts Böses ahnend eine Wurzel überfahren und mich überschlagen. Wo das Problem liegt? Während jeder halbwegs starke Mensch, danach einfach aufgestanden und weitergefahren wäre und vielleicht nächste Woche in seiner Therapiesitzung darüber geredet hätte, wenn es ihm bis dahin im Gedächtnis geblieben wäre, habe ich nicht einfach so weiter machen können.
Mein Arm, mein sonst so widerstandsfähiger, zuverlässiger Unterarm, war nach dem Aufprall plötzlich in einem stumpfen Winkel verbogen und Himmel, Arsch und Zwirn habe ich seitdem Schmerzen. Ich habe sogar einen Schmerzensschrei unterdrücken müssen. Gott bewahre, wenn mich jemand gehört, geschweige denn gesehen hätte. Ich bin nicht mehr im Stande gewesen, meinen Lenker zu greifen und weiterzufahren. Und, als wäre das allein nicht schon peinlich genug, ist es mir nicht einmal möglich gewesen, das Fahrrad mit beiden Händen zu schieben. Ich musste also mein vollgefedertes Mountainbike mit einer Hand schieben.
Wenn sich nun während des Heimweges Menschen näherten, tat ich, als würde ich mein Rad beidhändig tragen. Zwar schmerzte das ungemein, aber von einem Lächeln überspielt, müssen meine schmerzverzerrten Augen auf die anderen Menschen gewirkt haben wie eine zutiefst befriedigende Anstrengung, wie sie nur durch eine wahre körperliche Herausforderung zustande kommen konnte. Kaum waren die Menschen weg, musste ich mein Fahrrad fallen lassen, es mit dem Arm, der mich nicht im Stich gelassen hatte, aufrichten und es wieder weiter mit einer Hand schieben. Der Heimweg war lang und mühsam, aber immerhin zollte mir jede Person, die mir radfahrend entgegenkam, den tiefsten Respekt für meine Belastbarkeit.
Daheim angekommen, ließ ich im sicheren Sichtschutz meiner Garage das Fahrrad fallen, richtete es nicht wieder auf, denn auch dazu war ich nun zu schwach. Ich sackte neben meinem am Boden liegenden Rad zusammen und blieb dort eine Weile liegen.
Und als ich nun hier lag, kam es mir schlagartig. Mein Antrieb war offensichtlich vermindert, es musste eine Depression sein, ein Glück nichts mit meinem Arm. Eine Depression kann man schließlich behandeln, und dann würde sich das mit meinem Arm schon wieder richten. Das wäre es ja noch gewesen, eine Instabilität im Unterarm, was sollten meine Kollegen denn denken? Einfach morgen früh in die Akutsprechstunde zu meiner Haustherapeutin, die würde mir schon weiterhelfen. Dann stört sich auf der Arbeit auch niemand dran. Ein Glück nicht in die Orthopädie.
Einmal kam ein Kollege nach acht Wochen Abwesenheit wieder ins Büro. Man hatte gesagt, er habe sich sicher nur nach einem Todesfall in der Familie sammeln müssen. Und dann kam er wieder. Ich war schon bereit, ihm meine aufrichtige Anteilnahme auszudrücken und ihn zu fragen, ob er schon genügend Trauerarbeit geleistet habe, als es mir unweigerlich ins Auge fiel. Dieser Nichtsnutz. Alle dachten wir, er hätte wie ein standhafter Mensch getrauert, und doch klaffte dort um seinen linken Fuß eine Orthese. Das Sprunggelenk habe er sich gebrochen, dieser Schwächling. Eine Schande für unseren Betrieb. Das habe ich ihm dann auch so ins Gesicht gesagt. Von jemandem, dessen Substanz so schwach ist, dass sie bricht, war schließlich kein besonderes Kontra zu befürchten.
Nun raffte ich mich wieder auf, ging von der Garage ins Haus und unter die Dusche. Das hilft ja manchmal schon bedeutend, um sich besser zu fühlen. Als ich mich nun aber einseifen wollte, schmerzte mein Arm noch immer. Da somatisierte ich wohl mal wieder besonders hartnäckig, naja, aufarbeiten und durch.
Anschließend setzte ich mich aufrecht auf mein Sofa und machte einen Körperscan, da mir vielleicht ja diese Übung helfen können würde, mich wieder zu entspannen.
Doch erstaunlicherweise fiel mir der Körperscan bedeutend schwerer als sonst. Die ganze Zeit über, wenn ich mich auf andere Körperregionen konzentrieren wollte, meldete sich mein Unterarm zu Wort und als ich letzten Endes bei den Unterarmen ankam, spürte ich in jenem, auf den ich zuvor gefallen war, fürchterliche Körpersensationen. Das musste ein sehr tiefsitzendes Trauma sein. Ich überlegte, ob ich vielleicht doch beim psychotherapeutischen Notfalldienst anrufen sollte.
Genau in diesem Moment kam meine Frau herein, sah mich an und musterte mich besorgt. Sie fragte mich, ob alles in Ordnung sei und was mit meinem Arm passiert sei. Ich antwortete, dass ich befürchten würde, an einer neuaufgetretenen depressiven Episode zu leiden. Auch gestand ich ihr, dass ich ungewöhnlich stark zu somatisieren schiene, wodurch ich mir die Veränderung an meinem Unterarm erklären könne. Als meine Liebste nun wissen wollte, weshalb ich der Meinung sei, depressiv zu sein, berichtete ich ihr von meiner offensichtlichen Antriebsminderung und meiner gedrückten Stimmung nach der Radtour und von meiner Erfahrung in der Körperscan-Übung, die eindeutig für eine starke Traumatisierung sprechen musste. Sie nahm mich in ihre Arme und versicherte mir, dass sie mich auf meiner Reise zur Wiedererholung unterstützen würde. Doch offenbar ging es mir nun bereits so schlecht, dass ich schon begonnen hatte, mich innerlich zurückzuziehen. War doch ihre Umarmung, die ich die letzten Jahre über stets zutiefst genossen hatte, plötzlich unerträglich für mich, da mein somatisierender Unterarm höllisch schmerzte. Vielleicht war das Trauma ja mit meiner geliebten Frau assoziiert.
Als ich ihr diese Empfindungen kommunizierte, bestand sie darauf, mich umgehend in die psychosomatische Notaufnahme zu bringen.
Ich zog mir einen dicken Pullover an, damit niemand beim Anblick meines Armes auf falsche Gedanken käme, dann fuhren wir los. In der Notaufnahme angekommen, berichtete ich dem diensthabenden Therapeuten von meiner depressiven Symptomatik, woraufhin dieser mich fragte, wie lange die Symptome bestünden und in welchem Zusammenhang sie erstmalig aufgetreten seien. Als ich ihm dann von meinem Fahrradsturz vor wenigen Stunden erzählte, legte er mir, ganz ohne rot zu werden, nahe, ich solle doch lieber beim chirurgischen Notfalldienst anrufen. Kann man sich das vorstellen? Ich in die Chirurgie? Ich war doch kein Schwächling, der sich etwas am Arm getan hatte, ich litt an einer ernstzunehmenden Erkrankung. So eine Frechheit hatte ich noch nie erlebt. Dieser Therapeut musste noch ein blutiger Anfänger sein, dass er übersehen konnte, wie eindeutig ich doch unter diesen seelischen Gebrechen zu leiden hatte. Ich beschloss, die Notaufnahme zu verlassen und am nächsten Tag in die Akut-Sprechstunde meiner Haustherapeutin zu gehen, sie hatte schließlich eine langjährige Berufserfahrung vorzuweisen und würde anders als dieser Stümper erkennen, wie schlecht es mir in Wahrheit ging.
So ging ich am nächsten Tag, nachdem ich die Nacht über vor Grübeln über die Ursache meiner bestialischen Schmerzen im Unterarm kaum schlafen konnte, etwas übermüdet in die Praxis meiner Haustherapeutin. Als ich hereinkam, wurde ich von der freundlichen Person am Empfang begrüßt und ins Wartezimmer gebeten, welches ich nach eineinhalb langen Stunden des Wartens, in denen sich mein Arm unablässig bemerkbar machte, in Richtung des Behandlungszimmers verlassen konnte. Nun endlich würde mir geholfen werden, und gemeinsam mit der Depression würde sich auch die Veränderung meines Armes wieder verflüchtigen.
Meine Therapeutin bat mich, Platz zu nehmen, und fragte mich, was sie für mich tun könne. Ich berichtete ihr von meiner Antriebslosigkeit, dem Stimmungseinbruch, der Somatisierung, der dadurch bedingten Störung meiner Konzentration, von meiner neu aufgetretenen Schlafstörung und von der Diskriminierung in der Psychosomatischen Notaufnahme am Vorabend. Auch sie fragte mich nach dem Zeitpunkt, als diese Schwierigkeiten erstmalig auftraten und blickte mich besorgt an, als ich von der Fahrradtour berichtete.
Sie begann, mir zu erklären, dass es einen Zusammenhang zwischen meinem Sturz und meinen Symptomen geben könne. Ich fragte darauf, ob sie damit meine, dass der Sturz mich traumatisiert haben könne. Bei dem, was ich als nächstes von ihr vernahm, glaubte ich erst, nicht recht zu hören.
Sie sagte, dass dies zwar prinzipiell möglich wäre, es jedoch wahrscheinlicher sei, dass der Sturz zu einem organischen Schaden geführt habe, welcher die restlichen Einschränkungen bedinge. Ich sah sie entsetzt an.
Sie griff meinen Blick auf, indem sie ihr Verständnis für mein Unverständnis ausdrückte. Sie erklärte, dass ein solcher Schaden an der Knochensubstanz nach einem Sturz durchaus eine Problematik wäre, welche auch einen jungen, gesunden, starken Mann wie mich betreffen könne und keine Schwäche bedeuten würde. Dass ich nicht lache, natürlich wollte sie mir sagen, dass ich tief im Inneren ein Schwächling sein musste. Ich sagte ihr entgeistert, dass ich von ihr deutlich mehr Empathie erwartet hatte, worauf sie entgegnete, dass sie sich zwar durchaus auch irren könne, mir aber eine Überweisung zur Orthopädie ausschreiben würde, um einen solchen Hergang meiner Probleme sicher ausschließen zu können. Sie würde mich zunächst für zwei Wochen krankschreiben und ich solle mir die Zeit nehmen, um mich seelisch zu erholen und um einen Orthopädie-Termin zu bemühen.
Da ich mir ja auch selbst Sorgen gemacht hatte, ging ich auf diesen Vorschlag ein, um mir so bestätigen lassen zu können, dass ich eindeutig stark und robust war. Und so rief ich in einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis ca. 30km entfernt in der Nachbarstadt an. Nur so konnte ich sicher gehen, dass keine Person, die mich kannte, auf falsche Gedanken kommen würde, wenn sie mich vielleicht hier in der Stadt sähe, wie ich diesen Orthopäden aufsuchte.
Drei Tage später fuhr ich also mit dem Zug zur nächsten Stadt, weil die Somatisierung in meinem Unterarm immer schlimmer wurde und ich mich in meinem selbstfahrenden Wagen nicht mehr sachgemäß anschnallen konnte. Inzwischen war mein Arm richtig dick und blau, ich musste unbedingt später nochmal bei meiner Haustherapeutin vorbeischauen, sie würde mir da sicher helfen können.
An der orthopädischen Praxis angekommen, sah ich mich zunächst um, ob nicht doch ein bekanntes Gesicht in der Umgebung zu finden war und ging schließlich herein.
In der Praxis war es still und nicht ganz so düster, wie ich erwartet hatte. Das Wartezimmer war nicht groß, hier wollte man ja schließlich auch niemandem begegnen.
Nach einer Viertelstunde blickte auf einmal ein groß gewachsener Mann, so Anfang Vierzig, durch zwei runde, silbern eingerahmte Brillengläser um die Ecke ins Wartezimmer, fragte mich, mit ruhiger Stimme nach meinem Namen und bat mich anschließend in sein Untersuchungszimmer.
Ich folgte ihm den Gang entlang in den Raum und war zunächst etwas perplex, als ich statt Sessel und Couch einen Schreibtisch mit einem Desktop-PC und eine etwas steril anmutende Liege vorfand, auf der ich ohne eine Möglichkeit, mich anzulehnen, platznehmen sollte. Ein wenig mulmig war mir schon zumute.
Der Arzt stellte sich kurz vor und fragte anschließend, was mich an diesem Tag zu ihm führe. Ich schilderte ihm kurz meine missliche Lage, berichtete ihm von der Somatisierung sowie den damit verbundenen Schmerzen und erklärte, dass ich nur zu ihm gekommen sei, um mich vergewissern zu können, dass mit meinem Körper alles bester Ordnung sei. Daraufhin sagte er mir, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei, ihn aufzusuchen und bat mich, meinen Ärmel hochzuziehen, damit er den betroffenen Unterarm inspizieren könne. Als ich ihm mitteilte, dass mir das unangenehm wäre, beharrte er ganz unverfroren weiter darauf. Sonderlich viel Grenzwahrnehmung war von einem Arzt ja auch nicht zu erwarten.
Letzten Endes gab ich doch nach und offenbarte ihm meinen Arm, woraufhin er seine Augen weit aufriss. Ich verstand diesen Blick sofort und sagte dem Orthopäden, dass ich mir bereits gedacht habe, dass er mit mir nichts zu schaffen haben könne. Er entgegnete, dass es ganz im Gegenteil danach aussähe, dass das Bild, welches ich ihm präsentieren würde, dringlich nach Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen verlange. Widerwillig stimmte ich der Untersuchung zu, danach musste ich es schließlich schwarz auf weiß haben, dass mir nichts fehlte.
Für diese Untersuchung sollte ich eine hässliche und unglaublich schwere Bleischürze überziehen, danach wurden zwei Bilder von meinem Arm gemacht. Während der Beleuchtungszeit wurde es richtig warm.
Der Orthopäde betrachtete die entstandenen Bilder kurz, zeigte sie mir und begann das auszusprechen, was ich dort bereits mit Entsetzen sah.
Meine Befürchtungen hatten sich bewahrheitet, ich war schwach, ich war fragil. Meine Elle war gebrochen und obendrein bildete sie keine gerade Linie mehr. Ich war am Boden zerstört.
Verzweifelt fragte ich den Arzt, ob sich das beheben ließe. Und seelenruhig sagte er, dass es eine ganz simple Operation wäre. Als ich ihn fragte, ob man danach noch etwas davon sehen können würde, verneinte er, ich müsse nur zeitweilig einen Gips tragen.
Nur einen Gips, NUR einen GIPS. Und das konnte er sagen, ohne dabei das Gesicht zu verziehen, das muss man sich mal vorstellen.
Dann könnte jeder sehen, was für ein Schwächling ich doch war, ich würde zum Gespött der Leute werden. Im Büro könnte ich mich nicht mehr blicken lassen, wer sollte mich noch ernst nehmen, nachdem man mich mit einem Gips gesehen hätte?
Ich fragte den Orthopäden, ob es sich dabei nicht um einen Fehler handeln könne, ob die Bilder nicht im Computersystem vertauscht worden sein könnten, er solle mich doch nur mal ansehen, so stark und stabil, diese Bilder konnten unmöglich von mir stammen.
Als er darauf beharrte, stand ich auf, und stürmte aus der Praxis dieses Scharlatans. Ich und einen Bruch, das konnte unmöglich stimmen. Ich würde meiner Haustherapeutin einfach erzählen, dass auf den Bildern nichts zu sehen gewesen wäre und nach einer Überweisung in die Psychosomatik fragen. Damit sollte sich das Trauma, welches sich da in meinem Arm festgesetzt hatte, ganz recht, ein Trauma und kein Bruch war das, behandeln lassen.
So gingen einige Wochen dahin. Ich begann, um mit meinem verräterischen Arm möglichst nicht in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, eine webbasierte Therapie bei einem Psychosomatiker. Und wie ich es mir dachte, schwoll mein Arm nach ein paar Sitzungen wieder ab, und bekam auch seine gewöhnliche Farbe wieder. Nur gerade war er noch nicht wieder geworden, aber das würde sich mit entsprechender Bearbeitung des Traumas schon noch ergeben.
Eines Tages kam ich, mir nichts Böses denkend, zum Termin bei meiner Haustherapeutin, als sie mich misstrauisch anblickte. Nachdem ich platzgenommen hatte, sagte sie zu mir, dass der Orthopäde, aus dessen Praxis ich vor geraumer Zeit gestürmt war, ihr seinen Bericht samt Bildern zugesandt habe und in diesem ein Bruch meiner Elle beschrieben gewesen sei. Sie warf mir vor, ich hätte sie an jenem Tag angelogen, doch ich bestand darauf, dass es sich um eine Verwechslung handeln musste.
Sie sagte, dass dies nicht möglich sei und dass ich wisse, wie die Konsequenz für Lügen und Gefährdung meiner Gesundheit aussähe. Ich nickte widerwillig. Therapiepause. Ein furchtbares Wort.
Ich fragte, ob sich das nicht irgendwie vermeiden ließe, doch sie entgegnete, dass die wöchentlichen Termine so lange ausfallen müssten, bis ich meinen Arm orthopädisch hätte behandeln lassen. Ein anderes Vorgehen könne sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren. Das war mir zu viel. Ich ging.
Wieder gingen zwei Wochen ins Land und trotz psychosomatischer Therapie besserte sich mein Arm nicht weiter. Am liebsten hätte ich meine Haustherapeutin um Rat gefragt, aber das ging ja nicht.
Durch die Therapiepause hatte sich außerdem meine Krankschreibung nicht verlängert und ich musste erstmalig mit meinem schiefen Arm zur Arbeit gehen.
Im Büro angekommen, kassierte ich einige schiefe, mitleidige und verurteilende Blicke von Kollegen, die von ihren Bildschirmen aufsahen, als ich vorbeilief. Doch keiner sagte etwas, bis nach einiger Zeit jener Kollege, der sich vor langer Zeit das Sprunggelenk gebrochen hatte, in mein separates Büro kam und mich fragte, wie es mir ginge. Ich sagte ihm, er solle sich bloß wegscheren, für ihn Schwächling hätte ich keine Zeit. Er blieb stehen und sagte mir, dass er damals an dem gleichen Punkt gewesen sei, an dem ich mich gerade befände und er es sich damals auch nicht hatte eingestehen wollen. Ich entgegnete, dass ich nicht wisse, wovon er rede. Doch er zog nur die linke Augenbraue hoch.
Er hatte recht. Mein Arm war gebrochen. Ich hatte mir den Arm gebrochen und hatte den Schein aufrechterhalten wollen, dass ich unverwundbar wäre.
Am nächsten Tag ging ich gesenkten Hauptes in die orthopädische Gemeinschaftspraxis, aus der ich damals wütend hinausgestürmt war. Ich fragte, ob er sich noch an mich erinnern und mir helfen könne. Er bejahte beides verständnisvoll.
Ich musste wieder geröntgt werden. Wieder zeigte er mir die Bilder und erklärte mir, was darauf zu sehen war.
Scheinbar war meine Elle bereits wieder fast vollständig zusammengewachsen, nur leider schief. Er sagte, dass sich der Winkel operativ korrigieren ließe, allerdings nicht vollständig, dazu hätte ich zu lang gewartet. Ich willigte in die Operation ein und eine Woche darauf war es so weit.
Nach der Operation war mein Arm zunächst eingegipst, damit er sich stabilisieren konnte und als der Gips abgenommen wurde, war mein Arm wieder beinah gerade.
Die Blicke meiner Mitmenschen verschwanden mit der Zeit, doch mir blieb die Frage, wie es wohl gelaufen wäre, wenn ich die Hilfe, die ich brauchte, eher angenommen hätte.

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