Ich schaute auf eine Kreuzung, die Ampel, auf die ich blickte, schaltete gerade. Zwei Wagen fuhren los, ein kleiner gelber und ein schwarzer Sportwagen. Der gelbe Wagen sah beinahe eingeschüchtert aus, als würde die Gegenwart des Sportwagens seine Farbe ergrauen lassen. Der Sportwagen zog bald am kleinen Gelben vorbei, ich fuhr gar nicht los. Ich ging auch nicht los. Ich saß, ich saß und wartete. Seit Stunden wartete ich auf einen Anruf. Heute morgen, direkt nachdem ich aufgestanden war, mich geduscht, mich eingekleidet und etwas gegessen hatte, setzte ich mich auf den Stuhl neben dem Telefon, neben dem auch ein Fenster lag, das Fenster von dem aus ich nun seit 3 Stunden in der Erwartung, dass etwas Ungewöhnliches passieren würde, auf die Kreuzung schaute.
Etwas Ungewöhnliches. Was wäre das? Das wäre, wenn sich ein Unfall ereignete, oder ein Polizeiwagen mit heulender Sirene über die auf Rot geschaltene Ampel jagte, um einen flüchtigen Verkehrssünder zu schnappen. Doch ungewöhnlich wäre es auch, wenn das Telefon klingelte. Ich erwartete, dass es heute klingeln würde, denn ich erwartete ein wichtiges Telefonat. Ich hatte mich um einen Platz auf einer Expedition nach Tasmanien beworben und heute wollte man mir mitteilen, ob ich teilnehmen dürfe. Ich war ein Experte für unbekannte Tierarten mit großen Ambitionen, doch meine Karriere stand noch in den Kinderschuhen.
Inzwischen war es 13:56, ich wartete seit 5 Stunden neben dem Telefon und malte mir aus, wie ich wohl reagieren würde, wenn man mir zu- oder absagte. Würde man mir zusagen, dann wäre ich sicher erfreut, ich würde sagen: „Vielen Dank, Professor Washenstein, dass sie mir gestatten, an einer so vielversprechenden Expedition teilzunehmen!“ Würde man mir absagen, so müsste ich lügen, ich würde behaupten, dass man mir einen Forschungsplatz in Adelaide angeboten habe und ich dankbar sei, dass der Professor mir die Entscheidung derart erleichtere. 17:49.
Wie konnte es schon so spät sein? Wollte ich nicht heute mit meiner Freundin Liza, dieser wundervollen Ausgeburt des Glückes, im Chlode’s, diesem neuen Szeneladen, zu Abend essen? Nein, das Telefonat hatte Priorität. Wieso hatte ich noch keinen Anruf erhalten? Ich spielte mit dem Kabel des Telefonhörers, das sich wie eine Sprungfeder kräuselte, ich versuchte es grade zu ziehen, als ich einen weiteren Blick auf die Uhr riskierte, inzwischen war es 19:37.
Das sah dem Professor mal wieder ähnlich. Bestimmt hatte er sich vorgenommen, zunächst einige Hausarbeiten zu kontrollieren. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, wie es so schön heißt. Bald würde Eugene sicher anrufen, um mir zu sagen, dass ich teilnehmen darf. Ich wollte ja noch mit meiner Freundin essen gehen.
Heute war ein großer Tag, denn es gab heut gleich dreierlei zu feiern. Ich würde als jüngster Forscher an einer von Professor Eugene Washenstein’s berühmten Tasmanien-expeditionen teilnehmen, außerdem war heute unser vierter Jahrestag, deshalb würden wir auch ins Chlode’s gehen, diesen neuen Szeneladen und die wichtigste Sache, obgleich oder gerade weil Liza davon noch nichts ahnen konnte, war, dass ich ihr nach dem Essen, auf dem Weg in die Oper einen Antrag machen würde. Doch noch kam der Anruf nicht, noch konnte ich nicht von meinem Stuhl aufstehen, von dem Stuhl am Fenster, durch das ich auf die immer gleiche Kreuzung blickte, neben dem Telefon, das noch immer nicht läutete.
Ich wurde müde, mit meinem letzten Wimpernschlag erhaschte ich noch einen Blick auf die Digitaluhr neben meinem Bett auf dem Nachttisch. 23:02. Ich schlief auf meinem Stuhl ein und wartete noch immer.

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