M im Wunderland

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Einmal mehr saß M im immergleichen Saal und schrieb abermals eine Prüfung, deren Inhalte sich nur geringfügig von all den anderen Prüfungen unterschieden, die er schon in diesem Saal abgelegt hatte. Durch diesen Umstand bedingt war er, wie eigentlich immer, deutlich vor Ablauf der Zeit mit der Bearbeitung fertig und hatte natürlich auch, denn das war ihm viele Jahre lang von seiner Mutter so eingetrichtert worden, noch zweimal nachkontrolliert. 
Er hatte also einmal mehr keine Aufgaben zu erledigen und blickte einmal mehr in die immergleichen Gesichter, als ein ungewöhnliches Ereignis seinen Blick auf sich lenkte.
Die beiden Türen neben der Tafel öffneten sich gleichzeitig und hinaus kamen nicht etwa Mitarbeiter des Instituts, sondern grüne, rote und auch blaue Papageien, welche schnurstracks wie in einer Choreografie zu dem verschlossenen Fenster des Hörsaales flogen und sie mit ihren Schnäbeln öffneten, hindurchtraten, sie wieder verschlossen und davon flatterten.
 Es war ein wirklich bizarres Schauspiel, welches M da gerade mit angesehen hatte, aber noch bizarrer schien es ihm, dass kein anderer der 140 Studenten, die ebenfalls im Saal saßen, auch nur von seinem Blatt aufgeblickt hatte. Wahrscheinlich hatte er vor Langeweile das Tagträumen begonnen. 

Er beschloss, zur Toilette zu gehen, um den Saal mal für einen Moment verlassen zu können, ehe seine Vorstellungskraft ihm den nächsten Streich spielen konnte, und so ging er die Treppenstufen hinauf zum Ausgang und hinter der Tür wieder hinab zu den Toiletten. 
Gerade, als er sich am Waschbecken einen Schwall kalten Leitungswassers ins Gesicht klatschen wollte, um wieder wach zu werden und zu Sinnen zu kommen, vernahm er Geräusche, die seiner Meinung nach von einem startenden Flugzeug stammen mussten.

Doch wie um Himmels Willen sollte ein Flugzeug von einer Toilette drei Meter unter dem Erdboden starten? Dennoch konnte es kein weiterer Tagtraum sein, schließlich hörte der Lärm nicht auf, als das kalte Wasser ihn im Gesicht erwischte, ja nicht einmal, als er sich selbst eine Ohrfeige verpasste. 

M musste es schlussendlich einsehen, er hatte keinen Tagtraum, er halluzinierte offenbar. Und doch verstummten diese abstrus lauten Geräusche nicht. Sie schienen aus einer der Toilettenkabinen zu tönen. Er versicherte sich, dass niemand sonst im Raum war und beschloss, die Kabinentür zu öffnen. Die Tür klemmte ziemlich, aber mit einem kräftigen Ruck, war auch dieses Problem kurzerhand behoben.
 Mit dem jedoch, was ihn hinter der Tür erwartete, hatte er nicht gerechnet, wie hätte er auch damit rechnen sollen? Er hatte befürchtet, dass er schlimmstenfalls jemanden beim Verrichten seines Geschäftes stört, aber dass in dieser Kabine, hinter der klemmenden Tür, eine Wasserrutsche versteckt zu sein schien, hätte M wohl so nicht erwartet. 
Wo sie nur hinführen würde, fragte sich M und überlegte akribisch, gelangte aber, vermutlich aufgrund der unendlichen Langeweile und Eintönigkeit, in welcher er sich gefangen sah, zu dem Schluss, dass er es nur erfahren würde, wenn er sich auf die Rutsche schwingen würde. 
Ob nun zum Mittelpunkt der Erde, in eine Parallelwelt, oder einfach nach Hawaii, das war ihm und seiner Abenteuerlust in dem Moment herzlich egal, egal, wo es hinging, es sollte ihm recht sein, bloß weg von hier. Und so schwang sich M auf die Wasserrutsche ins Ungewisse, seine Kleidung behielt er an, die konnte er, egal, wo es nun hinging, sicher auf die eine oder andere Weise gebrauchen, nur die Schuhe nahm er in die Hand, um nicht Gefahr zu laufen, eine unverhoffte Vollbremsung hinzulegen. Das Wasser war angenehm warm, und floss recht schnell, der Verlauf der Rutsche schien recht steil, dies, so dachte er sich, war seine letzte Chance, es sein zu lassen, umzukehren, zurück in seinen komfortablen, eintönigen und irgendwann sicher einmal von Erfolg gekrönten Alltag zu gehen und einfach mit dem Leben weiterzumachen. Doch dann besann er sich darauf, dass er so vermutlich nicht mehr einen einzigen Tag weitermachen könnte, der Vorfall mit den Papageien hatte ihm schließlich gezeigt, dass er durch diesen immergleichen Alltag offenbar verrückt zu werden drohte. Und so stieß er sich ab und rauschte mit vollem Karacho diese Rutsche in die unbekannte Tiefe hinab. 

In der Wasserrutsche war es dunkel, stockdunkel und sie schien zunehmend steiler zu werden, zumindest hatte M das Gefühl immer schneller zu werden. Er spürte, wie ihm all sein Blut in den Kopf floss, er befürchtete, dass ihm jeden Moment der Schädel explodieren würde, seine Finger und Zehen begannen, sich taub anzufühlen, und bald flogen ihm seine Schuhe, welche seine tauben Finger nicht mehr halten konnten, um die Ohren. Er musste sich nun also damit abfinden, dass er wohl, wo auch immer ihn diese Rutsche hinbringen würde, ohne Schuhe zurechtkommen müssen würde. Worauf, um Himmels Willen, hatte er sich da nur eingelassen? Wenigstens flachte die Steigung der Röhre nach einer Weile etwas ab und behielt eine annehmbare Reisegeschwindigkeit bei. Mittlerweile hatte M jegliches Zeitgefühl verloren, er konnte nicht sagen, ob er seit dreißig Minuten oder seit drei Stunden auf der Reise war. 
In seinem Kopf schossen, nachdem sein Blut sich wieder ausgeglichen in seinem Körper verteilt hatte, die wildesten Gedanken umher. Was, wenn diese Rutsche ihn in die Hölle brächte und er nun dazu verdammt wäre, auf ewig unvorstellbare Qualen zu leiden, nur weil er sich in einer gewöhnlichen Prüfung nicht bis zum Ende der Arbeitszeit gedulden konnte? Was, wenn seine Reise ihn in den Hades führen würde und der Wasserschwall, welcher ihn beständig an sein Ziel schwemmte, in den Styx mündete und M, dem Achilles gleich, bald unverwundbar sein würde und wie ein Halbgott kühne Taten vollbringen und unvorstellbare Ungeheuer bezwingen müsste? 
Was, wenn er plötzlich durch ein Wurmloch gespült würde und sich in einer fremden Welt fänd, so ungleich der ihm bekannten Welt wie eine Betonmauer und ein Blumenstrauß, was wenn er dort unaufhörliche Erkundungsreisen hinaus ins Unbekannte unternehmen könnte, sich von dem ernähren könnte, was die Natur ihm dort bieten würde und die Glückseligkeit finden könnte? 

Was aber wenn er, da er die dortige Flora nicht kennen konnte, sich vergiften würde, was wenn unsagbare Gestalten und furchtbare Ungeheuer in dieser fremden Welt nur darauf warten würden, dass sich einmal mehr ein gelangweilter Student in die Wasserrutsche hineinschwingt und zu ihnen gespült wird, damit sie ihn fressen könnten, oder was wäre, wenn schon jemand vor M in dieser Welt angekommen wäre, sie zu seiner eigenen gemacht hätte und er dort vollkommen fehl am Platz wäre? 
Was, wenn die Wasserrutsche einfach irgendwann endete, und M festsäße, wenn er in einem Loch, mehrere Kilometer tief in der Erde gefangen wäre und dazu verdammt wäre, kläglich zu verhungern? Und, vielleicht noch schlimmer, was wäre, falls er tatsächlich nur Wahnvorstellungen hatte und man ihn finden würde, wie er barfuß in einer öffentlichen Kloschüssel stände? Was wenn dieser peinliche Vorfall publik werden würde? Was nur hatte M sich dabei gedacht? Er würde seinen Studienplatz und jegliches Ansehen verlieren, er würde vor der breiten Öffentlichkeit ins Lächerliche gezogen, könnte wohl, einem Sträfling gleich, nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, welches ihm doch so viel bedeutete. Kein Mensch würde ihn mehr ernst nehmen, niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben, noch weniger mit ihm befreundet sein wollen, niemand ihn mögen oder gar lieben können. Schon gar nicht er selbst. Er fragte sich, wieso er sich selbst nur ohne weitere Bedenken, aus Langeweile und aus purem Leichtsinn den sozialen Freitod auferlegt hatte. Was nur hatte ihn dazu geritten? Wie nur hatte er so unvergleichlich dumm sein können? Wie sollte sein Ruf sich jemals davon…
 In diesem Moment wurde M in seinem katastrophalen Gedankengang unterbrochen, indem ihm auffiel, dass es um ihn herum wieder hell geworden war, darüber hinaus erschien es ihm, als ob er flöge. 

Er versuchte, sich umzublicken, doch seine Augen waren noch nicht an die Helligkeit gewöhnt. Als es ihm nach wenigen, kurzen Sekunden wieder gelang, sah er das Ende der Rutsche. Es schien auf dem Kopf zu stehen und sich immer weiter von ihm zu entfernen, es mündete aus einer Felswand, die zu gigantisch war, um ihr Ende zu erkennen, heraus in einen azurblauen Teich, der über ihm schwebte und immer weiter anwuchs. Plötzlich bemerkte M, dass er sich der Oberfläche des Teichs, der mittlerweile ein großer See geworden war, näherte, welcher sich vielleicht doch nicht über, sondern unter ihm befand. Er tauchte ein.

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