Kurzurlaub

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Bier, Cider, Diesel, ein Burger mit Bacon, eine Portion Pommes. Fünf Freunde an einem Tisch, besser gesagt, JD, drei Freunde und ein Mädchen, das er an diesem Abend erst kennengelernt hatte. Er fragte sich, was er dort machte. Hatte er sich nicht morgens noch vorgenommen, an diesem Tag nichts zu trinken? Dieser Vorsatz wurde schon am frühen Nachmittag gebrochen, als er durch einen Zufall in einem Café eine Gruppe junger Unternehmer kennenlernte und diese ihm Sekt anboten, aus Höflichkeit hatte er angenommen. JD war von diesen Leuten begeistert, weil sie gut reden konnten, zumindest einer von ihnen. Der Kerl konnte verdammt gut reden, er wirkte charismatisch und hatte offensichtlich alle Konzepte in Sachen Neurolinguistic Programming, Micro-Expressions, Straight Line Selling etc. drauf. JD war beeindruckt und hatte Spaß an der Unterhaltung, aber keiner von den Kerlen war ihm sympathisch. 
Wenn er genau darüber nachdachte, war ihm kaum jemand mehr sympathisch, seit geraumer Zeit sah er nur noch das Negative in Menschen und ihre potenziell egoistischen Hintergedanken.
Es gab natürlich Leute, mit denen er gern Zeit verbrachte. Und es gab Menschen, mit denen er aus Gewohnheit Dinge unternahm, weil es ihm früher Freude bereitet hatte und er sich bestätigt fühlte, er wollte das frühere Gefühl der Bestätigung zurückhaben, doch es war immer nur temporär. Es hielt so lange, bis er sich von seinen Kumpadres zum Trinken, Rauchen, oder Kiffen überreden lies und ihm auffiel, dass ein jegliches High ihn runterzog, es zog und zog an JD, bis er nachgab und sich in ein Loch aus innerer Einsamkeit, der Illusion der Selbsthasses und der absoluten Machtlosigkeit über die eigenen Umstände herabsinken lies. 
JD wollte das nicht mehr, er wollte keine einzige Sekunde dieses drogeninduzierten Pseudospaßes mehr erleben, dieser tiefen Unehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Was hätte Ehrlichkeit bedeutet? Ehrlichkeit, das wäre gewesen, wenn JD sich eingestanden hätte, dass er in 95% aller Fälle nur trank, um zu gefallen. Ehrlichkeit, das wäre gewesen, wenn er sich eingestanden hätte, dass er alles außer Zigarren nur rauchte, um etwas zu tun zu haben. Es wäre ehrlich gewesen, sich ein für alle Mal einzugestehen, dass er Gras widerlich fand und er nicht den geringsten Spaß daran hatte.

Ehrlichkeit wäre gewesen, wenn er sich eingestanden hätte, dass er Angst vor allem hatte, was das Leben bereithielt und sich deshalb davon abhielt, es zu erleben.
 Ehrlichkeit, das ist, das Leben zu nehmen, wie es kommt und zu wissen, dass Nichts, was einem entgegengesetzt wird unüberwindbar ist. Kein Hindernis ist wirklich zu groß, kein Hindernis ist unüberwindbar, es ist der Mensch, der sich entscheidet, den Weg zurück anzutreten, weil er einfach nicht mehr will.
Aus welchem Grund will ein Mensch das, was er zuvor wollte, nicht mehr? Ein Mensch will nicht mehr, wenn er zu der Überzeugung gelangt, dass die Schwere, der aus seiner Sicht noch aufzubringenden Opfer, die Summe aus dem Wert der bereits investierten Mittel und dem Produkt der Zugewinne nach der Überwindung und der subjektiven Wahrscheinlichkeit der Überwindung überwiegt.

Willsacrifice = ∑Investments + Gainsubjective*Pestimated – ∑ Sacrificesestimated

Wsacrifice = ∑ I + Gsubj*Pest – ∑ Sest

Für W ≤ 0 gilt: Mensch will nicht
Für W > 0 gilt: Mensch will

Daraus ergibt sich, da jedes Handeln den Willen zu dieser spezifischen Handlung impliziert, dass solange ein Mensch dazu bereit ist, Opfer aufzubringen (d.h. zu handeln), um ein spezifisches Ziel zu erreichen, dieser Mensch den intrinsischen Willen hat, dieses Ziel zu erreichen, unabhängig von seiner Kenntnisnahme dieses Willens. 
Wie kann sich der subjektive Zugewinn nach dem Erreichen eines Ziels beziehungsweise der Überwindung eines Hindernisses aufgliedern?

Schon wieder Nutella-Toast? Schon wieder Fisch mit Kartoffelpuffern? Die Musik war anders, und der Tag mochte insgesamt einige Neuigkeiten bereithalten. Heute würde JD zum ersten Mal nach Holland fahren, ein kurzer, möglicherweise verdammt lustiger Roadtrip mit zwei Freunden. So stellt man sich Semesterferien vor!
 Die hatte er sich redlich verdient, naja, verdient hatte er diesen Trip auf jeden Fall, aber nicht zwingend durch seinen Eifer im Semester. Dieser hatte etwas zu wünschen übrig gelassen, aber gut, JD hatte auch sehr viel anderes im Kopf, gesundheitliche Probleme, zwei OP’s, eine Nahtoderfahrung, eine Depression, spirituelle Erleuchtung, zu viel Alkohol, zu wenig Frauen und seine Ex. Angesichts all dieser Aufsplitterungen seines Fokusses war es schon beeindruckend, dass er es geschafft hatte, alles zu bewältigen, wie man von ihm erwartete; naja fast, in einer Prüfung hatte er sich gänzlich verschätzt. Er hat kaum gelernt und war die letzten zwei Wochen vor der Prüfung jeden Tag bis spätabends unterwegs. Er wollte leben wie ein Rockstar und tat es so gut er konnte. Er nahm keine Drogen, das war ihm zu blöd. Eher Billy Idol, als Mick Jagger. Und es fehlte ihm an Frauen, er hatte Angst. Woher das stammte? Aus seiner Kindheit. JD war ein fröhliches Kind gewesen, er wollte seine gute Laune mit den Mädchen teilen, nahm sie an der Hand, ging ein Stück mit ihnen und küsste sie anschließend. Wie man sich vorstellen kann, wollte er die gute Laune unter möglichst vielen Mädchen verteilen. Auch wenn hier gute Laune nach Herpes klingt, war es trotzdem ne gute Sache. Nur leider wurde irgendwann ein Mädchen eifersüchtig und kam heulend wie eine Schlosshündin zu ihrer Mami gerannt. Und die wiederum kam wutentbrannt in den Kindergarten gestürmt und brüllte auf den kleinen JD ein. 
Das Trauma war perfekt und er wurde mehr Sheldon Cooper als Hank Moody. Ja, die implizite Brillianz ist hier beabsichtigt. 
Er selbst spürte nichts davon. Ihm kam einfach alles fließend vor, so sollte es schließlich sein, oder? Er bemerkte nur, wenn er sich mit anderen verglich, dass er sich länger an Dinge erinnerte und Zusammenhänge schneller und anstrengungsfreier begriff als diese. Vielleicht hätte er nie anfangen sollen, sich zu vergleichen. Was hatte es ihm eingebracht? Er fühlte sich besonders, er gewann daraus ein fragiles Gefühl, etwas Besonderes und damit etwas Besseres zu sein, sowie ein andauerndes Gefühl der Andersartigkeit und des Außenvorseins. Doch wie hätte er sich der Welt der Vergleiche entziehen können? Die reale Welt war überfüllt mit Vergleichen, sie flossen von allen Seiten und allen Menschen auf JD ein und hätte er sich kein Brett geschnappt und wäre mit auf der Welle geritten, wäre er vermutlich in ihr ertrunken und von ihr begraben worden.

Genug Gefühlsduselei, gleich würde es losgehen, endlich wieder Abenteuer, endlich wieder wirklich wahrhaftig leben. Auf nach Holland, auf nach Den Haag und an viele mögliche andere Orte, auf ins Unbekannte, auf ins Leben. Die Reise begann auf einem Parkplatz, voller Erwartungsfreude stieg er in das Auto. Nach acht Stunden Spaß und Abenteuer erreichten sie ihr Ziel. Kaum angekommen, gab es schon die erste Ernüchterung, Parken ab 40€ am Tag, eine Frechheit. Sie gingen ins Hostel und bezogen ihre Zimmer, zumindest so halb, nicht ganz. JD bemerkte einmal mehr, dass er Schwierigkeiten damit hatte, anderen Menschen auch nur das geringste Vertrauen entgegenzubringen, als er sah, dass es auf seinem Zimmer für ihn keine Möglichkeit gab, seine Privatsachen wegzuschließen. Im Magen wurde ihm bei dem Gedanken flau, dass er nun vermutlich den ganzen Trip über seinen Rucksack mit sich führen würde, seinen schweren Rucksack, der nicht nur seine Schultern, sondern auch seine Stimmung runterzog. 
Unwichtig, zu viel Negativität, jetzt wollte er die Stadt erkunden, die Stadt für die sie über 600 Kilometer gefahren waren. Der allgemeine Konsens fiel auf den Strand und so begannen sie langsam aber sicher in die grobe Richtung des Meeres zu irren. Ein Ziel zu haben, und auf dem Weg zu diesem Ziel eine ihm noch gänzlich unbekannte Stadt kennenlernen zu können, erfüllte JD mit Freude, mit unermesslicher, ehrlicher, authentischer Freude, die er kaum fassen konnte. Er staunte und staunte über alles um sich herum. Dennoch war die Kälte ihm unangenehm, sehr unangenehm und allmählich nagte die Kälte an seiner Freude, sie war, wie Emotionen das nunmal mit sich bringen, nur temporär und das war okay. Die eigentliche Frage war doch vielmehr, wie er aus der Kälte zusätzliche Motivation, zusätzliche Inspiration, gewinnen konnte. Diese Frage blieb vorerst noch unbeantwortet, aber eine Lösung würde sich noch finden, als er den Tag Revue passieren ließ.

Sie zogen weiter hinfort in Richtung Strand, entlang eines Kanals, der sie sicher ans Ziel führen würde. Bald verloren seine Freunde aufgrund der schieren Distanz allmählich den Mut, doch JD’s Energie blieb ungezügelt. Am Hafen angekommen, verliefen sie sich in einer Sackgasse nach der anderen, was für ihn nur noch mehr Spaß bedeutete, während man ihm wachsende Frustration entgegenbrachte. Kaum war der verhießene Strand in Sicht geraten, schlug die Frustration seiner Freunde in blanke Euphorie um, sie begannen dem sogenannten Ziel entgegenzurennen, ihm war nicht danach, er wusste tief in seinem Inneren, dass er viel lieber jeden einzelnen Moment des Weges in vollen Zügen auskosten wollte und nicht auf die Kosten dieser Momente, das Ziel vorschieben wollte, doch seinen Freunden zuliebe tat er es.

Der Anblick der Dühnen, welche JD auf dem Weg zum Strand nun noch überqueren müssen würde, war schlichtweg majestätisch. Er beschloss Bilder zu machen und sich selbst auf diese Weise aus dem gegenwärtigen Moment auszusperren. Er begann über die Dünen zu schreiten und erblickte das Meer in der geballten Schönheit und Pracht des Abendrots. Er war einerseits hin und weg, andererseits überlegte er schon, wie er die Szenerie auf Fotos für andere möglichst beeindruckend darstellen konnte, um so Bestätigung von diesen gewinnen zu können. Seinen Freunden schien es dabei nicht anders zu gehen, natürlich fielen sie sich am Wasser ersteinmal in die Arme, doch schnell drehte sich alles nur noch darum, zu fotografieren, was zwar anfangs als Begleiterscheinung spaßig war, jedoch im weiteren Verlauf als Hauptatraktion den Moment für JD zerstörte, seine Essenz anzapfte und allmählich raubte. Als die Essenz nun gänzlich verflogen war und Kälte und Hunger Überhand nahmen, traten die drei Freunde den von Beschwerden über Kälte, Hunger, Distanz und die Parksituation gesäumten Rückweg an, auf dem sie schließlich beschlossen, die Tram ins Zentrum zurück zu nehmen und schwarz zu fahren. Auf der Suche nach einem schönen Ort für das gemeinsame Abendessen, kamen sie auf keinen gemeinsamen Nenner, weshalb JD letztlich, vom Hunger willen- und lustlos, Kentucky Fried Chicken vorschlug, im sicheren Wissen, dass man ihm zustimmen würde und er dann endlich sein ersehntes Abendessen bekäme. Wirkliches Glück empfand er beim Verzehr dieser Speisen nicht, aber wenigstens war sein Magen nun gefüllt. Mittlerweile war er vollkommen vom Stadium der Authentizität und des genussvollen Erlebens in das der Bewältigung seiner Überwältigung durch die vielen neuen Eindrücke übergegangen und so gab er dem Vorschlag, sich zu betrinken dem Vorsatz, Menschen kennenzulernen gegenüber den Vorzug und stellte sich auf den lustigen, aber armseligen Abend ein, der ihn erwarten würde. Er hatte ihn sich selbst gewählt und ließ sich nun nicht mehr davon abbringen, an diesem Abend seiner Angst nachzugeben und sich zurückzuziehen aus einer Stadt, die ihn begeisterte, voller Menschen, die ihn eine tiefe Angst empfinden ließen, unabhängig davon, wie ungerechtfertigt diese Angst vermutlich war. Als sie nun Einkaufen gingen, um sich betrinken zu können, traute er sich nichteinmal die Verkäufer zu fragen, wo der Alkohol zu finden war und schickte einen Freund vor. Er fühlte sich nun offiziell machtlos, doch eine Sache war JD entgangen, er hatte sich dieses negative Momentum selbst aufgebaut, er hatte jeden seiner Schritte an diesem Abend selbst gewählt, er hatte all die Entscheidungen, die diesen Abend zu dem werden ließen, selbst gewählt, er hatte den ganzen Abend gelenkt gehabt und ihn in die Richtung gesteuert, welche er letztlich eingeschlagen hatte. Er hatte die Macht, entgegen seines Glaubens hatte er beinahe die alleinige Kontrolle über den Verlauf des Abends in seinen Händen gehalten. 
Der Mensch ist also niemals Opfer, oft sogar die Ursache, seiner Umstände. Der Mensch ist weitaus mächtiger, als ihm zunächst bewusst ist, vielleicht mächtiger, als wir zu begreifen imstande sind.

Sie gingen nun in die Bar ihres Hostels, um ihre Begrüßungsbiere in Empfang zu nehmen. In der Bar lief seltsamer Jazz, und es war brechend voll, JD war es hier direkt unangenehm, er schlug vor, die Biere erst am Folgetag zu trinken, wenn es vielleicht etwas leerer sein würde, doch diesmal gab man ihm nicht nach. Sie hockten sich in eine Ecke, tranken ihr Bier und schwiegen sich an. Eine bildschöne, betrunkene Frau kam auf ihn zu und fragte, ob er tanzen wolle. Er redete sich ein, dass sie verheiratet sei und lehnte dankend ab. Er äußerte seinen Unmut über die Schweigsamkeit, man schlug ihm vor, Leute anzusprechen, Unmut dazu machte sich ebenfalls bemerkbar. Er überredete die anderen, die Küche aufzusuchen und nun endlich mit dem Trinken anzufangen. Sie spielten 3 Stunden lang „Wer bin ich?“, sie hatten viel Spaß, doch JD fühlte sich schlecht. Er fühlte sich, als hätte er den Schwanz eingezogen und wäre dem, was der Abend hätte werden können, aus dem Weg gegangen. Genau das hatte er getan, er hatte sich zu vielen Punkten des Abends gegen einen möglichen Zuwachs an Entropie, an Unvorhersehbaren Wandelungen entschieden und so sein Innerstes Selbst, seine innere Neugier, seinen inneren Entdecker verraten und angekettet.

Wie konnte er eine Veränderung einleiten? Was konnte er tun? Er konnte sich bewusst seinen Ängsten stellen, unwichtig, wie affig er sich dabei vorkommen würde. Er konnte sich bewusst für mehr Entropie entscheiden und so unvorhersehbare Ereignisse heraufbeschwören, welche seinen Entdeckergeist immer wieder von neuem entfachen würden. Das konnte er tun, es würde zweifellos Überwindung in großem Maße kosten, aber das und nur das war es, was er tun konnte.

He realized, most people were just as inhibited as him, possibly even more. He obviously wasn’t alone, he wasn’t special, he wasn’t special at all and that was good news, that was a great thing.

Fremde Stadt,

ich will Dich sehen. 

Fremde Stadt,

ich will Dich fühlen.

Fremde Stadt, 

ich will Dich spüren. 

Fremde Stadt,

ich will Dich in mir aufnehmen.

Fremde Stadt,

ich will Dich erleben.

Fremde Stadt, 

ich will Dich lieben.

doch Lieben kann man nicht wollen,

entweder man liebt,

oder man lässt es sein.

alles andere ist Heuchelei.

alles andere ist unehrlich.

alles andere ist lieblos.

Gegen Zwölf frühstückten sie endlich. Dann ging es zum Fahrradverleih, sie irrten eine Weile umher und fanden ihn letztlich im Hinterhof eines ebenso schönen wie urigen Buchladens. Sie entschieden sich für ein Tandem, auf dem er vorne sitzen würde, und ein normales Holland-Rad und traten den Weg zum Strand erneut an. Auf diesem Weg stellte sich das Tandemfahren als wahrhaftiges Abenteuer, Den Haag als wunderschön und das Tandem als kaputt heraus. Sie brachten es zurück, tauschten es gegen zwei normale Räder ein und machten sich zum wiederholten Male zum Strand auf.

Als sie ankamen, fühlte JD sich wie vom Blitz getroffen, die See, endlos wie sie da lag und den Sand allmählich verschlang, war majestätisch, machtvoll und atemberaubend. Was seine Augen sahen, überwältigte ihn. Der Strand, ein einziges Konzeptkunstwerk namens „Ringen aan Zee“, gigantische konzentrische, halbkreisförmige Wälle aus Sand, das Gefühl von Winzigkeit, Vergänglichkeit und einer befreienden Unbedeutsamkeit in Gegenwart der Unendlichkeit erfüllte ihn mit einer Lebensenergie, die er lange nicht mehr so intensiv gespürt hatte. Sie standen eine Weile am Meer in der Brandung und liefen anschließend über die Sandwälle zurück zu ihren Rädern, JD rannte zwischen den Wällen hin und her, weil es sich richtig anfühlte und ihm Spaß bereitete, er hörte aber auf, weil er sich wieder zu seinen Freunden gesellen wollte, weil er eh schon das Gefühl hatte, sich selbst häufig außenvor zu nehmen. An den Fahrrädern angekommen, sattelten sie auf und ließen sich der schönen Promenade entlang, an einem erhabenen Palast vorbei, zum Scheveninger Pier treiben.

Sie wollten Riesenrad fahren, dann kam das große Herumgedruckse, wer die Frau am Schalter nach den Ticketpreisen fragen sollte. JD entschied sich unmittelbar dazu, es selbst zu tun, es wäre zumindest ein Anfang. Neun Euro sollte die Fahrt pro Person kosten, das erschien den drei Freunden ziemlich happig und so gingen sie weiter den Pier entlang, blieben nach der Hälfte jedoch stehen, weil sie das Meer, den Strand und die brandenden Wellen bestaunen wollen.
JD ging weiter, weil er den Rest des Piers unter Betracht nehmen wollte. Dies stellte sich als hervorragende Entscheidung heraus, als er einen besseren Ausblick, einen alten, von der Seeluft angegriffenen Konzertflügel und einen Weg auf den Bungee-Jumping Turm entdeckte. Er ging zurück, um seinen Freunden davon zu erzählen. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, schnell saß Junior am Piano und spielte, während JD sich von der Melodie hinaus auf das weite, offene Meer tragen ließ und einen Moment lang vom süßen Nektar der Unendlichkeit kosten durfte.
Ein Moment der Unendlichkeit, ein Oxymoron und doch haargenau bezeichnend für das, was er gerade erlebt hatte. Er wollte sich nun klein und vergänglich fühlen, er wollte unwichtig sein, ein mikroskopisches Sandkorn im gigantischen Stundenglas der Zeit. Er ging so schnell er konnte hoch auf den Turm, obwohl es stark windete, setzte er nun seine Mütze ab, denn er wollte den Augenblick so intensiv spüren, wie es ihm nur irgendwie möglich war. Er wollte sich nicht von der Welt um ihn, der Welt in ihm abschirmen, er wollte Eins sein mit ihr, sich selbst vergessen und einmal mehr mit ihr verschmelzen. Und das war es, was er tat.

Fremde Stadt,

ich sehe Dich.

Fremde Stadt,

ich fühle Dich.

Fremde Stadt,

ich spüre Dich.

Fremde Stadt,

ich nehme Dich in mir auf.

Fremde Stadt,

ich erlebe Dich.

Fremde Stadt.

ich liebe Dich.

nicht weil ich will,

ich liebe,

ich lasse es nicht sein.

das ist echt.

das ist authentisch.

das ist leidenschaftlich.

Fremde Stadt,

ich habe Dich gesehen.

Fremde Stadt,

ich habe Dich gefühlt.

Fremde Stadt,

ich habe Dich gespürt.

Fremde Stadt,

ich habe Dich in mir aufgenommen.

Fremde Stadt,

ich habe Dich erlebt.

Fremde Stadt,

ich habe Dich geliebt.

nicht weil ich es wollte,

ich habe geliebt,

ich lies es nicht sein.

es war integer.

es war ehrlich.

es war liebevoll.

Fahrt.

Über ein halbes Jahr ging vorüber und einiges geschah, er hatte Lissabon, Budapest und Thessaloniki besucht, war zweimal umgezogen, hatte einige Prüfungen geschrieben und die meisten bestanden. Eine wird er nochmal schreiben müssen und das überraschendste, zum ersten Mal in seinem Leben hatte JD nun eine Freundin. Eine Freundin, die ihn liebte und die er liebte, die nicht perfekt war, aber menschlich, allzumenschlich und reflektiert, genau so, wie es für JD richtig war. War er auch mit der Allgemeinsituation manchmal unzufrieden, mit ihr war er glücklich.
Er hatte viel Stress durchlebt in den letzten Monaten, seine ehemaligen Mitbewohner hatten versucht, ihn um Geld zu betrügen. In der nächsten Wohnung, einem Wohnheimszimmer hatte sich im Sommer während seiner Abwesenheit jemand eingenistet, ohne dass er davon wusste. 
Er bemerkte es erst, als er kam, um sein Zimmer auszuräumen für den bevorstehenden Umzug und fremde Kleidung im Zimmer verteilt war, ein fremder Gaming-Computer und eine Shisha in seinem Zimmer aufgebaut waren. Es stank bestialisch und JD’s Ring und eines seiner Kissen waren verschwunden.

Gib frei die Welt, wie sie ist

Frei davon, zu sein

Wie sie glaubt

Sein zu müssen

Die freie Welt gefangen

In ungreifbaren Fesseln

Die sie nicht sieht

Und doch

Spürt sie sie in ihr Fleisch einschneiden

Spürt sie sie ihre Lebenskraft raubend

Kaum, dass diese von neuem aufkeimt

Oh Du Wesen

Das Du ganze Welten

In Dir trägst

Entreiße Dich den Fesseln

Sprenge ihren Bann

Befreie Dich dann

Auf dass die Menschen

An Dir ein Beispiel finden

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