2022 in „Mensch und Natur“
Ich lag mit geschlossenen Augen in meinem selbsterrichteten Paradies, in meinem kleinen Stück Wald. Meinem eigenen, wohlbehüteten Stück. Es lag am Rand, doch das bemerkte man nicht, wenn man sich darin aufhielt.
Wenn man sich darin aufhielt, fühlte es sich an, als befände man sich inmitten der Tundra, tausende Kilometer in alle Richtungen nichts als Schnee, Eis und Wald. Und doch suchte man hier, aufgrund der zu meinem Schutz ausgelegten Fallen, vergeblich nach entsprechenden Wildtieren. Abgesehen von vereinzelt überfliegenden Vögeln, war ich in meinem kleinen Idyll glücklicherweise allein.
Ich hatte mir hier eine kleine Holzhütte hochgezogen. Na gut, die kleine Hütte besaß zwei Stockwerke und war mehr ein solides Haus. Mein Schlafzimmer war unter dem Dach, sodass ich mich jeden Morgen von Baumwipfeln umringt sah und im Erdgeschoss, darauf war ich besonders stolz, hatte ich einen kleinen Gewächsraum, in welchem ich mein Wurzelgemüse heranzog, für das der Boden um mein Häuschen herum zu hart war. Im Wohnzimmer gab es einen Kamin, der das Gebäude warmhielt und ein mit den Fellen der Tiere, welche die von mir platzierten Fallen ausgelöst hatten, ausgelegtes Sofa. Hier hatte ich keinen Computer, kein Telefon, kurzum keine Verbindung zur Welt außerhalb meines Waldes, außer meinen Büchern. Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, auf dem Gang. Regale voller Bücher. Diese sammelte ich schon, seit ich mich erinnern konnte. Ich besaß tausende von Büchern, ein paar davon hatte ich selbst verfasst. Das also war mein Habitat. Dieses jedoch drohte, sich nun zu verändern.
So sehr ich es mir wünschte, war ich doch nicht vollständig autark und musste von Zeit zu Zeit in den nächstgelegenen Ort fahren, um zusätzliche Lebensmittel, Ersatz für defekte Werkzeuge sowie das Notwendigste an Kleidung zu besorgen.
Als ich vor zwei Tagen wieder dort war, um Lebensmittel einzukaufen und neuen Lesestoff zu beschaffen, warnte man mich, ein Sturm ziehe zum Wald hinauf. Er käme dort vermutlich vier Tage später an, prophezeite man mir. Er könne die bestehende Natur dieses Waldes, meines Waldes, umstürzen, sie vernichten. Sie können sich vorstellen, ich war entsetzt.
Augenblicklich begab ich mich in den Werkzeugladen und kaufte den gesamten Bestand an Seilen, Spanngurten und Nägeln auf. Anschließend fuhr ich zurück in meinen Wald und befestigte alle Dinge, welche dort standen, vernagelte die Fenster mit Brettern und tat es mit der Tür gleich. Ich sah mich nun für den Sturm gewappnet, gegen diesen Sturm, der die Natur meines Waldes für immer verändern sollte. Ich war keinen Moment zu früh fertig geworden. Ich sah den Sturm bereits am Horizont. Alles verdunkelte sich. Ich hoffte auf das Beste, sprich, dass sämtliche von mir installierten Befestigungen dem herannahenden Unheil trotzen würden, und legte mich schlafen.
Ich wurde von einem kräftigen Windstoß geweckt, ich befürchtete das Schlimmste und ging davon aus, dass mir bald mein gesamtes, geliebtes Haus in Einzelteilen um die Ohren flöge. Doch als meine Augen sich öffneten, bot sich mir ein wunderlicher Anblick dar.
Die Sonne schien nun in meinem Winterwald, in dem ich sie noch nie gesehen hatte. Der Sturm hatte die Befestigungen gelöst. Einzig die Befestigungen und die Wildfallen. Ein kleinerer Baum hatte ein Loch in die Wand des Gewächsraumes gerissen und so fand ich dort ein Häschen, das an einer entwurzelten Karotte knabberte.
Seit jenem Tag erfüllt ganz neues Leben mein Waldstück. Die Bäume leuchten in einem mir bislang unbekannten Grünton. Der Schnee kehrte nie wieder zurück.

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